Pixeljäger auf der Suche nach dem Blau

Manchmal muss man eine Frage nicht nur stellen, sondern sie beantworten. Wie das geht und was danach passiert, weiß man vorher nicht. Der Designer Benedikt Groß und der Geograph Joey Lee haben einfach einmal angefangen. Eine Disziplin überschreitende Projektstudie zu den Pools von Los Angeles und was man tun muss, um Landschaft zu lesen.

Der Auslöser für ein breit angelegtes interdisziplinäres Kunst- und Geographieprojekt. Quelle: © Brigida Soriano – Fotolia

Blau. Benedikt Groß sah blau. Nicht irgendwie blau. Sondern glitzernd blau wie das Karibische Meer zur Mittagszeit. Grell und gleißend blau, wie Sonne, die sich im Wasser spiegelt, dass es einem in den Augen zwickt. Türkisblau, mit weißen Flecken, die flimmerten und den Designer in seinen Bann zogen. Beim Anflug auf den Los Angeles International Airport nahmen die Swimmingpools die Aufmerksamkeit in Stuttgart lebenden Designers in Beschlag. Das glitzernde Nass mitten in der Wüste der westamerikanischen Metropole schien sich ins Unendliche fortzusetzen. Der Wasserspaß der Reichen und Gewinner im Land der Stars and Stripes erstreckte sich bis zum Horizont.

Und jetzt wird’s eigenwillig. Während der Rest der jährlich zu Millionen anreisenden Fluggäste den Anblick vielleicht wahrnimmt und wieder vergisst, fragte sich der Groß: „Wie viele Pools mögen das sein?“ Und von den Menschen, die sich vielleicht doch genau diese Frage beim Anflug auf LA stellen, ist Groß dann derjenige, der dieser Frage nachgeht. Wie viele Pools gibt es in LA? Und wie finde ich das heraus? Die Antwort lautet 43.123. Und das Resultat ist ein 44-bändiger, 6.000 Seiten umfassender, 30 Kilogramm schwerer und rund 60 Zentimeter breiter Foliant mit dem Titel „The Big Atlas of LA Pools“. Aber davon später mehr.

Groß ist nicht der Typ, der es bei der Frage belässt. Er sagt, bei seinen Projekten sei das oft so: Am Anfang stehe eine einfache, fast kindischeFrage, doch wenn es darum geht, sie beantworten zu wollen, werden Prozesse in Gang gesetzt, die hoch komplex und absolut technisiert sind. So auch in diesem Fall.

Gemeinsam mit Joey Lee, einem Geographen aus Kaliforniern, sitzt er also beim Mittagessen am MIT und erzählt ihm von seinem Anflug-Abenteuer. Gemeinsam überlegen sie, es müsse doch freie Datensätze geben, auf denen die Pools katalogisiert sind. Sie forschen nach ansonsten in den USA massenhaft existierenden offenen Datensätzen, sie stöbern – doch nach ausführlicher Recherche stellen die beiden fest: Es gibt keine. Da eröffnet sich Idee Nummer zwei: „Wenn es diesen Datensatz nicht gibt, müssen wir ihn erschaffen.“ Sie besorgen sich genau 39 georeferenzierte Orthophotos vom National Agriculture Imagery Program, jagen sie dann mittels Fernerkundungsalgorithmen durch ihre Rechner, mit dem Ziel, alle blauen Pixel zu extrahieren. Doch die Rechenroutinen erweisen sich als unbrauchbar, die Ergebnisse nach Aussage von Groß: „nur Schrott“.

Doch jetzt wollen die zwei Pixeljäger es wissen.

Sie stoßen auf eine unorthodoxe Idee, nämlich so genannte Clipping-Path-Unternehmen, die in Niedriglohnländern wie Indien sitzen und in denen die Mitarbeiter normalerweise die Schuhneuheiten von Zalando oder die Yedi-Schwerter für Amazon freistellen. In Handarbeit, versteht sich, aber zu Spottpreisen von ein paar Cent pro Objekt. Groß und Lee wandeln die Geotiffs der Satellitendaten in Photoshop-Dateien und senden die Daten über das Gebiet von rund 1.700 Quadratkilometer des Becken von LA auf indische Server. Exakt vier Tage später und mit einer Rechnung über ein paar hundert Dollar landen die Daten vollständig bearbeitet zurück in ihren Postfächern. Die indischen Grafiker haben die Swimming Pools aber nicht nur markiert, sondern freigestellt und fein säuberlich ausgeschnitten, alle Objekte in einer Datenbank gesammelt und kommen auf eine Summe von rund 65.000 Pools!

Groß und Lee können es nicht fassen, haben aber auch ein ungeheuer schlechtes Gewissen, ihrer Idee mithilfe von miserabel bezahlten Grafik-Kolonnen in Indien in die Tat umgesetzt zu haben. Plötzlich sind sie über ihre Pixeljägerei in Themen wie der Arbeit in Billiglohnländern und der Globalisierung von Jobs gelandet. Jetzt, so argumentiert Groß, mussten sie einfach prüfen, ob die blauen Pixel wirklich Pools sind. Denn jetzt waren sie es ihren indischen Helfern schuldig, etwas mehr aus ihrer Idee zu machen, als eine fast willkürlich anmutende fünfstellige Zahl.

Sie prüfen die Ergebnisse des Clipping-Path-Unternehmens nach und siehe an, tatsächlich, haben sich blaue Dächer und Autos und Basketballplätze unter die Pools gemischt, weil die Auflösung der Satellitenbilder mit einem Pixel pro Meter zu viele Interpretationsspielräume lässt. Es geht also weiter: Die Beiden verknüpfen die mit dem Google Geocoder festgestellten Positionen der identifizierten Pools mit den höher aufgelösten Satellitenbildern von Bing Maps  und lassen die Analyse über den Marktplatz für Arbeit „Amazon Mechanical Turk“ noch einmal validieren. Die Aufgabe der Arbeiter von Amazon Mechanical Turk war es also, zu überprüfen, ob die blauen Flächen tatsächlich Pools waren. Diesmal bezahlten die beiden von vorneherein einen besseren Preis und erhielten prompt die überarbeiteten Datensätzen mit der Anzahl von 43.123 Pools zurück.

Die Antwort war da. Aber als Ende der Geschichte, als Resultat des Projekts, taugt die numerische Auswertung einfach nicht.

Nicht für einen Künstler, nicht für einen Geographen. Nicht für ein Duo, für das es die Unterteilung in die Disziplinen eigentlich gar nicht mehr gibt. Sie norden die ausgeschnittenen Pools mit einer Funktion in ArcGIS ein, legen alle übereinander und schauen, was passiert. Das Ergebnis, ein mittlerweile preisgekröntes Poster.

Doch damit nicht genug. Die Beiden bedienen sich im vollmundigen Paradies der offenen Daten und bringen die Pools, die sie geographisch genau zuordnen können mit so verrückten Datensätzen in Verbindung wie „Eight Maps“ oder „Megan’s Law Sex Offender List“, aus denen sie Informationen ziehen wie: „Wo wohnen Sexualstraftätet?“ oder „Wer hat wieviel für eine Kampagne gespendet, die zum Ziel hat, die gleichgeschlechtliche Ehe im Bundesstaat Kalifornien zu kippen?“ Sie bringen die Pools mit Verbrechensdaten, Eigentumsangaben und Adressen in Verbindung. Sie finden Antworten, die ihnen zeigen, wie viele Sexualstraftäter Besitzer eines Swimmingpools oder wie teuer die Parzellen sind, auf denen die Pools platziert sind. Sie wissen plötzlich, wer einen Pool besitzt, unter welcher Adresse die Pools zu finden sind, und können den dazugehörigen Häusern eine Anzahl an Stockwerken zuordnen. Die Beiden ermitteln aber auch andere, vielleicht ernshaftere Kriterien, beispielsweise wie viel Wasser in der nach Trinkwasser durstenden Region um LA in den Pools verdampft, um seinen Besitzern ein erfrischendes Bad zu gönnen.

74 Bände und 6.000 Seiten füllen Groß und Lee mit Fragen und Antworten rund ums Blau.

Jeder Stadtteil von LA wie Santa Monica oder Hollywood bekommt ein eigenes Buch gewidmet, darin ist jeder Pool mit Bildern und Adressen, Postcodes, Straßen organisiert. Sie machen Videos zum Projekt und visualisieren die Idee auf Papier und im Netz. Jetzt hatten Groß und Lee ein Objekt, mit dem sie in Galerien gehen und das sie sie zu Kunstwettbewerben anmelden konnten. Erste Reaktionen: „Lustig, cool, spannend.“ Doch je mehr sich die Leute gerade mit dem Atlas beschäftigten, umso irritierter wurden sie. Wie konnten ein Designer und ein Geograph das alles herausfinden? Wie steht es um die Privatsphäre, wenn zwei Typen, die sich vornehmen, in jemandes Vorgarten zu schauen, tatsächlich Einlass bekommen? „Wir sind ja nicht die NASA oder die NSA“, so Groß.

Die Ausstellung zieht Kreise, sie geht in die Nationalgalerie in Tokio, sie gewinnen Designpreise in Japan, in Rotterdam, in London, auf der Biennale in Istanbul. Nachdem die LA Times über das Projekt auf der Titelseite berichtet, laufen die Email-Konten der Macher voll. Plötzlich interessieren sich alle für die Pools, die Politiker, die das Thema aufgreifen, Swimming-Pool-Hersteller, die für die Poolkundendaten großzügig bezahlen wollen (was die Groß und Lee natürlich abgelehnt haben), bis hin zur Feuerwehr von LA (die den Datensatz kostenlos erhalten haben).

Einmal mit dem Planeten aus dem All in Berührung gekommen, lässt die beiden unorthodoxen Space-Cowboys die Pixeljagd nicht mehr los. Gerade haben sie auf Kickstart  ein Projekt finanziert, indem die beiden weltweit nach Formationen auf Satellitenbildern suchen, die Buchstaben bilden. Jeder kann mitmachen! Buchstaben in Bildern, eine neue Aufgabe wartet. Die Frage ist gestellt. Jetzt geht für die beiden die Suche nach der Antwort los.

Wer Benedikt Groß und Joey Lee über die Schultern schauen will, der kann das hier tun.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *