Open Source GIS: Was geht?

Fast 500 Besucher versammelte die deutsche Entwicklerszene in Sachen Freier und Open Source Software im GIS-Bereich jetzt zu ihrer alljährlichen Konferenz FOSSGIS – in diesem Jahr in der Universität Münster. Und wie Entwickler nun mal so sind: Sie sprechen vor allem über die Dinge, die nicht funktionieren, noch kommen werden und darum jetzt fehlen. Was heute schon funktioniert, fällt da manchmal aus dem Blickwinkel. Das ist irgendwie schade, denn da geht eigentlich ziemlich viel.

Der Branchenverband der Informationstechnik Bitkom verschickte Mitte März die Jubelmeldung, dass die ITK-Branche nunmehr fast eine Million Menschen beschäftige und damit nach dem Maschinenbau Deutschlands zweitgrößter Arbeitgeber sei. Quizfrage: Wieviel dieser Million befassen sich unmittelbar mit geographischen Daten? Oder anders gefragt: Wie groß ist eigentlich das „Geo“ innerhalb der IT-Branche?

Mit Blick auf die rund 700 Unternehmen in unserer Datenbank, die Mitgliedszahlen der einschlägigen Berufs- und Fachverbände, die Zahl der entsprechenden Studiengänge und Lehrstühle sowie die Besucherzahlen der Intergeo als weltgrößte Messe im Umfeld von Geoinformationen wage ich mal die Schätzung: Nicht so groß. Und noch mal kleiner dürfte die Zahl derjenigen sein, die sich innerhalb der Geo-IT auf Open Source und Freie Software konzentrieren.

Also seien wir ehrlich: Das ist die Nische innerhalb der Nische.

Aber wie das so ist: Kleine Dörfer, die sich dazu vielfach (wenngleich immer weniger) auch noch als kleines gallisches Dorf des Widerstands gegen das Reich propritärer Lösungen sehen, können sich als sehr lebendig erweisen. Das Engagement des Einzelnen – in diesem Fall beim FOSSGIS e.V. als Veranstalter der Konferenz – ist jedenfalls meistens größer und sichtbarer, als in der Großstadt propritärer GIS-Lösungen.

Vielleicht auch deshalb ist das Nischentreffen FOSSGIS (Free and Open Source Software for Geographic Information Systems) inzwischen eines der größten (firmenunabhängigen) Geo-IT-Events Deutschlands. Gemessen an der Besucherzahl ist sie nach der Intergeo eigentlich hierzulande sogar inzwischen die Nummer zwei, wenn auch mit weitem Abstand. Die zweifellos etwas größere AGIT findet ja streng genommen gar nicht in Deutschland statt.

 

Bleibt die Frage: Was machen die da eigentlich? Tja, man diskutiert tatsächlich bisweilen über einzelne Codezeilen. Oder man spricht über die nächsten Entwicklungsziele für eine bestimmte Software. Oder man präsentiert die geplanten, aber noch fehlenden Neuerungen und Erweiterungen einer Software. Oder man sucht Mitstreiter für einzelne, neue Entwicklungsvorhaben, die man in der Version 0.1 schon mal als ersten Prototyp für das Treffen zusammengeschustert hat. Dazwischen: Workshops zur Weiterbildung für (tatsächlich!) gewöhnliche Anwender und – in diesem Jahr etwas seltener – auch Vorträge über praktische Anwendungen von Open Source Software. Im Grunde also ein mehr oder weniger klassisches Software-Anwendertreffen. Nur ohne Heizdeckenverkauf und eben mit der Tendenz, über fehlende Features und künftige Versionen gleich eines ganzen Straußes von Softwareprodukten zu sprechen, die formal betrachtet nur eine Open Source Lizenz als Gemeinsamkeit aufweisen.

Jetzt könnte man einzelne Vorträge herauspicken, um die konkreten Themen näher zu illustrieren, aber die ganze Konferenz wurde so umfassend in Bild und Ton dokumentiert, dass man die FOSSGIS 2015 im Grunde auch jetzt noch besuchen kann.

Allerdings wird auch bei Durchsicht der Videos deutlich: Die FOSSGIS ist trotz aller Bemühungen um den Neuling – dem Frischling in Sachen Open Source und GIS sei diese Einführung „Was ist Open Source und wie funktioniert das?“ ausdrücklich ans Herz gelegt – im Kern eine ziemlich Insider-Veranstaltung. Wer als als unbedarfter, potenzieller Kunde etwas unvorbereitet auf die Konferenz stolpert, wird schnell überfordert sein. Eine simple Kennzeichnung der Vorträge als jeweils geeignet für Anfänger, Fortgeschrittene und Experten könnte da schon helfen, zumal es zwar zahlreiche Aussteller und Unternehmen gibt, die ihre Dienstleistungen anbieten, die aber ähnlich technisch kommunizieren wie ihre propritären GIS-Wettbewerber, allerdings ohne das obligatorische, beruhigende Versprechen, das am Ende alles gut wird. Stattdessen werden gerne – ich wiederhole mich – die noch fehlenden Features bei dieser oder jener Software diskutiert. Das ist einserseits ganz sympathisch, andererseits: Nunja, die Nerds bestimmen damit das Bild.

Das muss man nicht unbedingt störend finden. „Auf der FOSSGIS dominieren die Entwickler, auf der Intergeo die Verkäufer und auf der AGIT alles was dazwischen ist“, hat es der Geschäftsführer eines Open Source Anbieters beschrieben. Und Entwickler sprechen halt gerne über die Dinge, die noch nicht funktionieren. Als sonderlich vertriebslastig kann man die FOSSGIS deswegen tatsächlich nicht bezeichnen. Niemand verspricht einem irgendwas. Oder wieder andersrum gedreht: In Sachen Außenwahrnehmung und Kommunikation Richtung potenzieller Anwender oder gar einer breiteren Öffentlichkeit ist wohl noch Luft nach oben.

 

Man darf gespannt sein, wie sich die FOSS4G-Konferenz als internationales Pendant dazu im kommendem Jahr in Bonn präsentieren wird. Denn der FOSSGIS e.V. wird 2016 als lokaler Organisator maßgeblich eben auch bei der FOSS4G gefragt sein. Er ist gewissermaßen der deutsche Vertreter (“local chapter“) des entsprechenden Weltverbandes, die OSGeo-Foundation. Sie lädt offiziell zu ihrer großen FOSS4G-Konferenz ein, in diesem Jahr etwa vom 14. bis 19. September nach Seoul (genau, parallel zu Intergeo 2015).

Und 2016 wird die FOSS4G nach Lausanne (2006), Victoria (2007), Kapstadt (2008), Sydney (2009), Barcelona (2010), Denver (2011), Nottingham (2013), Portland (2014) und eben Seoul (2015) beim zehnjährigen Jubiläum in Bonn gastieren. So wurde es zum Abschluss der FOSSGIS offiziell verkündet.

Das ist die durchaus veritable Chance, eine etwas breitere Öffentlichkeit zu erreichen. Allerdings: Vor lauter Freude über die Gelegenheit, mit der internationalen Entwicklergemeinschaft mal vor der eigenen Haustür diskutieren zu können, was noch alles gemacht werden könnte oder muss, besteht erneut die Gefahr, wenig darüber zu reden, was bei Open Source GIS heute bereits gut funktioniert – so langweilig das auch für einen Entwickler ist. Die potenziellen Kunden dürften es recht spannend finden.

 

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *