Fernerkundung im Dienste der Menschen

Das Programm der Vereinten Nationen UN-SPIDER hat sich zum Ziel gesetzt, Katastrophen zu verhindern und beim Management der Extremsituationen zu unterstützen. Mithilfe einer Internetplattform verbindet UN-SPIDER Anwender und Anbieter von Satellitendaten, um im Ernstfall Leben zu retten. Antje Hecheltjen ist Fernerkundungsexpertin und Mitarbeiterin von UN-SPIDER am Standort Bonn. Ein Einblick in die Arbeit vor Ort.

Der Aufzug hält im 23. Stock des UN-Gebäudes in Bonn. In den Gängen Stille, nur die leeren Stehtische zeugen noch von den Worten, die am gestrigen Abend um sie herum gewechselt wurden. Das Gespräch, der Austausch, das Verbindende und Möglich-Machende des Wortes, das sind Grundpfeiler der Arbeit der Vereinten Nationen (United Nations, UN), die sich nichts Geringerem als der Sicherung des Weltfriedens, der Einhaltung des Völkerrechts, der Schutz der Menschenrechte und der Förderung der internationalen Zusammenarbeit verschrieben haben. Die UN unterstützt Menschen weltweit auf wirtschaftlichem, sozialen und humanitären Gebiet. 193 Länder der Erde haben die Charta der Vereinten Nationen unterzeichnet, weltweit arbeiten tausende Mitarbeiter an einer globalen Idee von mehr Frieden und einer nachhaltigen Entwicklung.

Hier, in der Bonner Dependance der Vereinten Nationen, treffen sich Vertreter aus Wissenschaft, Politik und Gesellschaft. Hier wird über Nachhaltigkeit und Ressourcenschutz debattiert, hier streitet und studiert die Weltgemeinschaft, hier in dem Hochhaus im Bonner Stadtteil Gronau werden neuste Erkenntnisse zum Klimawandel diskutiert. In den zweckmäßigen Räumen mit Blick über die Region arbeitet auch Antje Hecheltjen. Für die 35-Jährige Geographin öffnet diese Umgebung genau den Rahmen, um ihre Fähigkeiten, aber auch Überzeugungen und Maßstäbe sinnvoll einzubringen. An der Universität Tübingen und Bonn hat sie Geographie studiert und sich bereits während dieser Zeit in der Angewandten Fernerkundung einen Namen gemacht. Die Kraft der Satellitenbilder, die Möglichkeiten, die in ihnen stecken, wenn man sie zu interpretieren weiß, das alles passt zu Antje Hecheltjen. Sie ist Forscherin und Wissenschaftlerin, aber auch engagierte Beobachterin dessen, was in der Welt passiert. Schon früh hat sie die Koffer gepackt, um in einem freiwilligen Jahr auf den Philippinen zu sehen und zu lernen. Was bewegt die Menschen dort? Wie beeinflusst die Umwelt das Leben? Was kann man tun, um zu unterstützen? „Damals war ich als Lernende unterwegs, und das hilft mir auch jetzt immer wieder, auch wenn ich als Expertin ganz andere Aufgaben zu erfüllen habe.“

Zusammenbringen und durch Teilen vermehren
Antje Hecheltjen arbeitet im Team mit drei Kollegen beim UN-Programm UN-SPIDER: UN-SPIDER, das ist die Plattform der Vereinten Nationen für raumfahrtgestützte Informationen für Katastrophenmanagement und Notfallmaßnahmen (United Nations Platform for Space-based Information for Disaster Management and Emergency Response) mit Büros in Bonn, Wien und Peking. Die Geo- und Fernerkundungsexpertin füttert die Online-Plattform von UN-SPIDER im Team beständig mit Informationen zum Wer, Was und Wo. Sie bringt diejenigen, die Fernerkundungsdaten zur Unterstützung im Katastrophenmanagement benötigen, und diejenigen, die sie anbieten, zusammen. Matching nennt man das auf Neudeutsch. Ob Feuer in der Dominikanischen Republik oder Überschwemmungen auf den Philippinen: Auf Anfrage von Mitgliedsstaaten setzen die Mitarbeiter einen Prozess in Gang, der den betroffenen Zivilschutzorganisationen vor Ort die Informationen liefert, um die Katastrophe zu bewältigen. Konkret sieht das Vorgehen so aus: Bekommen die Mitarbeiter von UN-SPIDER eine Anfrage aus einem Mitgliedsland, so aktivieren sie ihr Netzwerk, um herauszufinden, wer für diese Situation Daten liefern könnte und stellen diese Daten gegebenenfalls über ihrer Website oder über einen ftp-Server zur Verfügung. Ein Akteur in diesem Netzwerk ist die International Charter: Space and Major Disasters“, die das Programm anfragen kann. Dem Prozess angeschlossen sind Anbieter von Satellitendaten weltweit, die entsprechend der Anfrage innerhalb von 72 Stunden Datenmaterial liefern. Ein Netzwerk aus Experten setzt Algorithmen und Vorarbeiten in Gang, die die Bilder für die Nutzer vor Ort lesbar machen. Wo sind überflutete Bereiche? Welche Dämme drohen zu brechen? Wo sind Ortschaften, die von der Feuerwalze bedroht sind? Der Überblick über die Situation setzt die Helfer in die Lage zu reagieren.

Vorbeugen durch Beobachtung
Die Unterstützung der Partner im Katastrophenmanagement ist aber nur die eine Seite der Arbeit von Antje Hecheltjen und ihren Kollegen. Der andere, für sie mindestens genau so wichtige Teil, ist die Vorsorge. „Wir greifen mittlerweile auf ein Archiv von Satellitendaten bis in die 70er Jahre des letzten Jahrhunderts zurück. Darin liegen für alle wertvolle Informationen“, so die UN-Mitarbeiterin. Wie hat sich die Anbaufläche in dürregefährdeten Ländern verändert? Rückt die landwirtschaftliche Produktion in immer trockenere Areale vor, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es zu Missernten kommt. Oder das Beispiel Überflutungen: Lassen sich Muster für Gebiete erkennen, die immer wieder überflutet werden? Breiten sich die überfluteten Gebiete aus? Wenn ja, wohin? All diese Fragen lassen sich mit der Auswertung von Satellitenbildern beantworten. Das Potenzial, das Satellitendaten in der Katastrophenvorbeugung und im Katastrophenmanagement spielen, sei bei weitem nicht ausgeschöpft, ist sich Antje Hecheltjen sicher. Gerade wenn es sich um langsame, sogar schleichende Prozesse handelt, versetzen die Zeitreihen die Verantwortlichen in die Lage, die Situation besser einzuschätzen und frühzeitig zu reagieren. Das Ziel ist dabei immer, die Katastrophe zu vermeiden.

Anlaufstelle weltweit
UN-SPIDER bietet mit seiner Internetplattform die Anlaufstation für Zivilschutzorganisationen weltweit. Antje Hecheltjen und ihre Kollegen stellen dort regelmäßig Updates zu wichtigen Daten, Software oder Auswertungsmethoden bereit. Beteiligte Organisationen erarbeiten Schritt-für-Schritt-Anleitungen für konkrete Einsatzfälle. Zuletzt hatte beispielsweise die Iranische Weltraumorganisation (Iranian Space Agency) ein Tutorial aufbereitet, das ihren Umgang des Dürremonitorings nachahmbar macht. UN-SPIDER stellt das Tutorial im Netz für alle bereit. Das Programm ist damit Basis für eine weltweite gegenseitige Befruchtung im Kampf gegen Naturgewalten. Ukrainische Kollegen haben jüngst eine Anleitung zusammengestellt, wie sich Hochwasserkarten aus Radardaten entwickeln lassen.

Jeden Monat berichtet Antje Hecheltjen auf der Website über ein Themengebiet und nennt Ansprechpartner und mögliche Herangehensweisen. Einmal monatlich erscheint auch ein Newsletter, der an über 18.000 Empfänger weltweit versendet wird. Die Mitarbeiter von UN-SPIDER organisieren Konferenzen und Workshops sowie gezielte nationale Beratungsmissionen oder Fortbildugen, wenn sie von Mitgliedsstaaten darum gebeten werden. Dabei setzen sie auf ein Expertennetzwerk, das in angegliederten regionalen Unterstützungsbüros auf allen Kontinenten vertreten sind. Im Jahr 2013 war Antje Hecheltjen gemeinsam mit Kollegen aus Panama und Kolumbien in der Dominikanischen Republik, um dort Fernerkundungsexperten aus Ministerien, Regierungsorganisationen und von Universitäten zu schulen, um sie in die Lage zu versetzen, im Falle von Überflutungen mithilfe von Fernerkundungstechnologie reagieren zu können. Das Beispiel Dominikanische Republik ist für Antje Hecheltjen ein gutes Beispiel für den Charakter ihrer Arbeit. UN-SPIDER richtet sich nach dem Bedarf der Antragsteller und prüft, was technisch möglich ist. Dabei arbeiten immer Experten aus aller Welt auf Augenhöhe. „Wir bringen Bedürfnisse und Technologien zusammen, sehen nie nur die eine Seite, sondern führen die Fäden zusammen“, fasst Antje Hecheltjen zusammen. Augen öffnen, Risikobewusstsein schaffen und eine Bresche schlagen für das Potenzial, das in Fernerkundungsdaten steckt – das leistet das Antje Hecheltjen im Team von UN-SPIDER.

UN SPIDER in Bonn
Den Standort Bonn schätzt sie vor allem wegen der guten Kontakte zur Universität und Forschungseinrichtungen wie dem ZFL (Center for remote Sensing and Land Surfaces) an der Uni Bonn. Auch die Universität der Vereinten Nationen (UNU) und die vielfach in der Region vertretenen Geoinformationsunternehmen am Standort Bonn ist für die Arbeit von UN-SPIDER hilfreich. Damit bietet die Geobusinessregion Bonn für die Arbeit der UN-Experten eine gute Ausgangsbasis.

 

Was ist UN-SPIDER?

Die UN Plattform für Satellitendaten für den Katastrophenschutz UN-SPIDER beschäftigt sich mit den ganz großen Perspektiven – denen aus dem Weltall. Seit Gründung des Programms 2006 arbeiten die Experten in Bonn, Wien und Pekin daran, dass alle Länder und Organisationen Zugang zu Satellitendaten für die Katastrophenvorbeugung und für Notfallmaßnahmen haben. Dafür fahren UN-SPIDERs Experten in Entwicklungsländer und beraten Institutionen dazu, welche Daten wo verfügbar sind, wie satellitenbasierte Produkte wie Kartierungen erstellt werden und wie das Land die Daten am sinnvollsten nutzt. Über sein Onlineportal stellt das Programm außerdem wichtige und aktuelle Informationen und Datenbanken zu dem Thema zusammen. Im März 2015 wird das UN-SPIDER Team nach Sendai, Japan reisen. Dort treffen sich Regierungsvertreter aus der ganzen Welt, um ein neues globales Abkommen zur Katastrophenminimierung zu schließen. UN-SPIDER wird sich hierbei dafür einsetzen, dass die wichtige Rolle von Satellitendaten anerkannt und die Daten in globale Prozesse eingebaut werden. Vom 26.-28. Mai wird UN-SPIDER in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrum und anderen Partnern eine große Konferenz in Bonn veranstalten. 120 internationale Experten werden die Relevanz von Satellitendaten in der globalen Katastrophenminimierung, dem Klimawandel und der nachhaltigen Entwicklung diskutieren. Interessierte Experten können sich über www.un-spider.org/post2015 um Teilnahme bewerben. Die Veranstaltung ist kostenlos.

(Der Originalbeitrag erschien im Auftrag der Geoinitiative der Region Bonn/Rhein-Sieg/Ahrweiler auf www.geobusiness-region.de)

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