Ein vergessener Konflikt und seine Ursachen – eine Geographin sieht hin

1.300 Tote und 600.000 Vertriebene. So lauteten 2008 die offiziellen Zahlen, als nach den Präsidentschaftswahlen in Kenia eine Welle von Gewaltausbrüchen das Land durchschüttelte. Von europäischen Medien nicht sonderlich beachtet, lynchten Kenianer damals monatelang ihre Nachbarn. „Warum?“, fragte sich Britta Lang von der Universität Bonn. Wie kam es dazu? Und gibt es Lehren, die sich daraus ziehen lassen? Die Geographin schaute genau hin. Ein Gespräch.

Als Britta Lang 2011 nach Kenia aufbrach, hatte sie das Thema ihrer Diplomarbeit so gut wie im Kopf. Es sollte um die knappen Ressourcen rund um den Naivashasee gehen. Um das fruchtbare Land konkurrierten die ansässigen Bauern, die Hirten der Region am Rift Valley und die immer stärker expandierende Blumenexportindustrie. Ein typisch geographisches Problem, Ressourcen werden aufgeteilt, daraus entstehen Konflikte. Das ist seit Jahrtausenden so. Wann immer sie aber das Wort „Konflikt“ in den Mund nahm, hörte sie nur die Worte: „Post Election Violence“. Ja, klar, die Unruhen, die 2008 im Nachgang der Präsidentschaftswahlen zu einem ungeahnten Ausbruch an Gewalt geführt hatten, waren tief ins Gedächtnis der Menschen eingegraben.

Sieht aus wie ein Spiel. Die Ergebnisse der Untersuchungen musste Britta Lang verfremden, um weder Opfer noch Täter identifizierbar zu machen. Bild: Britta Lang

Britta Lang dachte nach, sie dachte um, sie entschied sich vor Ort, ihre Diplomarbeit über genau dieses Thema zu verfassen. Was passierte damals während der Gewaltexzesse? Warum genau brachen die Unruhen wo aus? Wie lassen sich solche Ausschreitungen zwischen Menschen erklären, die zuvor Tür an Tür lebten? Und wie wirken sie nach?
Um den Ursachen auf die Spur zu kommen, sprach Britta Lang mit den Menschen aus einer Arbeitersiedlung in Naivasha, wo ein aufgebrachter Mob Menschen aus ihren Häusern trieb und sie entweder direkt vor Ort oder an einem Versammlungsplatz lynchte. Diese Siedlung muss man sich als Armensiedlung vorstellen, einfache Häuser, Wellblechdächer, es existieren keine Karten und keinerlei Informationen, wie viele Menschen dort leben. Britta Lang verlässt sich auf offizielle Schätzungen, die von etwa 60.000 bis 70.000 Menschen ausgehen. Um an Informationen für ihr neues Thema zu kommen, arbeitete die Geographin mit Informanten, die ihr die Opfer zuspielten, und sie hatte Helfer, die auch die Gewalttäter zum Sprechen brachten. Sie war ganz nah dran, an Menschen, die nur um Haaresbreite dem Tod entkommen waren und genau an denen, die vor sieben Jahren getötet haben.  Sie begleitete die Männer durch genau diese Siedlung, ging mit ihnen exakt die Straßenzüge ab, in denen sie Menschen aus ihren Häusern zerrten (Transect Walk  – wer sich damit näher beschäftigen möchte). Dieselben Menschen, die damals  mit dabei waren, als Menschen getötet wurden, schilderten ihr, was und warum es ihrer Meinung nach geschehen war. Britta Lang zeichnete den Weg mit dem GPS auf, musste später ihre Notizen derart verfremden, dass kein Hinweis auf die Identität der Täter und Opfer nachvollziehbar ist. Denn Opfer und Täter leben noch heute Seite an Seite.

„Das ist mein Zuhause“

Ein Mann schilderte Britta Lang, was ihm damals passiert ist: „Sie haben meine Werkstatt angezündet und ich hatte mich in meinem Haus verschanzt. Als der Mob vor meiner Tür aufzog, bin ich über das Wellblechdach nach hinten geflüchtet und habe in der Polizeistation Zuflucht gesucht.“ Auch heute noch begegnet der Mann seinen Peinigern, doch er will nicht wegziehen. „Das ist mein Zuhause“, sagt er. Nur den Ort, an dem er fast sein Leben gelassen hatte, den kann er nicht mehr betreten. Nie wieder ist er in das Haus gegangen, in dem er bis zu jenem Tag im Januar 2008 gelebt hat. Seither beobachtet er immer aus der Distanz, wie die Stimmung in seiner Siedlung ist. Er hört zu, wenn seine Nachbarn sich unterhalten, seine Antennen sind ausgefahren. „Sobald ich merke, dass der Wind dreht, werde ich wegziehen“, so der Gesprächspartner von Britta Lang. Die Gewalt unterteilt bis heute die Menschen in Ethnien und weist diesen jeweils Regionen im Land zu, an denen sie sich sicher fühlen können.

All die Ursachen auf engstem Raum

Brachen, wo früher Häuser standen. Menschen wurden aus ihren Häusern gezerrt und umgebracht, ihre Häuser zerstört. Quelle: Britta Lang

Die Morde von damals, sie wirken noch heute nach. Und langsam wickelt die Geographin die Gemengelage aus, die den Gewaltausbruch verursacht hat.Da ist zum einen der schon anfangs erwähnte Konflikt um die Nutzung des kostbaren Bodens in der fruchtbaren Region rund um Naivasha. Da sind „Zugezogene“, die Arbeit in der Schnittblumenindustrie suchen und finden. Da sind angestammte Bauern, die Land brauchen und Hirten, die ihre Herden grasen lassen müssen. Da sind aber auch Kikuyu und Luo und Kalenjin und Maasai, die sich ihren Ethnien näher fühlen als diesem Land Kenia, das während der Kolonialisierung auf dem Reißbrett entstanden ist. Und da waren Politiker, die ihre Landsleute aufgehetzt haben und schon Jahrzehnte zuvor aufgehetzt hatten. Daniel arap Moi, der zweite Präsident Kenias bis ins neue Jahrtausend hinein, ein Kalenjin von Geburt, der die größte Ethnie der Kikuyu bluten ließ. Und dann Mwai Kibaki, ein Kikuyu, der auf Moi folgte und der damals in den bewussten Präsidentschaftswahlen im Jahr 2007 als Sieger hervorging. Dann war da noch Raila Odinga, ein Luo (die zweitgrößte Ethnie in Kenia), der damals als klarer Favorit ins Rennen um das Präsidentschaftsamt ging. Seine offizielle Niederlage galt vielen als Hinweis auf Wahlbetrug und die Wähler Odingas fühlten sich verraten. Dann ging es Luos gegen Kikuyus und Kikuyus gegen Luos und aus der offiziellen Brüderlichkeit und guten Nachbarschaft wurde erbitterte Feindschaft. In Naivasha waren die Kikuyus die Antreiber, die Luos und Kalenjin diejenigen, die aus ihren Häusern heraus herausgezerrt und denen Gewalt angetan wurde.

Warum also genau hier und nicht nebenan? Was ist das Resultat der Untersuchung von Britta Lang? All die zuvor genannten historisch, politisch und wirtschaftlich bedingten Gründe für den Gewaltausbruch ballen sich in den armen Arbeitersiedlungen Naivashas. Hier leben Menschen aus den verschiedenen Regionen Kenias, mit verschiedenen ethnischen Hintergründen, unter miserablen Bedingungen auf zu engem Raum. Gleichzeitig sehen die perspektivlosen jungen Menschen jeden Tag über Fernsehen und Internet den Reichtum, der anderswo herrscht – auch dort, wo Naivashas Schnittblumen hin exportiert werden. Sie selbst haben jedoch keine Teilhabe an dem schönen Leben – der Frust ist groß und richtete sich 2008 eben gegen die Menschen, die leicht erreichbar waren, die Arbeitsmigranten, politisch anders Denkenden und ethnisch Andere vor Ort.

Und kann man daraus etwas lernen? Parallelen ziehen zu den Kriegen im Nahen Osten, den Massenmorden im ehemaligen Jugoslawien-Krieg oder den Attentaten von Paris? Zumindest liegt es nicht fern zu interpretieren, dass wirtschaftliche Zwänge die Entstehung von Feindbildern begünstigen und umso passender, wenn das konstruierte Feindbild vor der Haustür lebt. Um die Ursachen und Wirkungen von gewaltsamen Konflikten zu verstehen und vielleicht zu vermeiden, braucht es laut Britta Lang jedenfalls umfassende Analysen, die in die Tiefe gehen und Verflechtungen jenseits des Offensichtlichen beleuchten.

Britta Lang wird das Thema Konflikte und deren Entstehung weiter verfolgen, bald schon an der Uni Bayreuth, wo sie promovieren wird. Wahrscheinlich aber wird sie sich der Gewalt in Deutschland zuwenden. So ganz nah dran, hat die Untersuchung im fernen Kenia auch sie selbst ein wenig verändert: „Ich urteile nicht mehr so schnell wie früher. Während ich vor der Untersuchung auch schon mal Menschen schnell in eine Schublade gesteckt habe, fällt mir das heute nicht mehr ein.“ Zuhören, vorurteilsfrei aufzeichnen, verstehen – das kann man auch heute und in Deutschlands Konfliktherden gut brauchen.

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